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WiWo.de: "Den Schaden hat der Steuer­zah­ler"

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Michael Hendricks, D&O-Pionier und Rechts­an­walt des Spezi­al­mak­lers für Manager­ver­si­che­run­gen Howden, erklärt im WiWo-Inter­view, ob und welche Gefah­ren auf Manager zukom­men, wenn erste Versi­che­rer die D&O-Sparte schlie­ßen.

 

Um Zahlen beim Thema Manager­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen machen die Betei­lig­ten seit jeher ein Geheim­nis. Ausge­rech­net von der Versi­cher­er­lobby, dem Gesamt­ver­band der Deutschen Versi­che­rungs­wirt­schaft, sicker­ten kürzlich zum aller­ers­ten Mal Markt­zah­len an den Branchen­dienst 'Versi­che­rungs­mo­ni­tor' durch.

Treffen Chefs Fehlent­schei­dun­gen, sprin­gen Manager­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen ein. Teures Beispiel: Der VW-Diesel­skan­dal. Die Versi­che­rungs­an­bie­ter machen entspre­chend Verluste. Wird es für Top-Manager brenz­lig?

Wirtschafts­Wo­che:
Herr Hendricks, seit Jahren gibt es Gerüchte, dass das Geschäft mit Manager­haf­tungs­ver­si­che­run­gen - D&O - in Deutsch­land Verluste macht. Bekom­men deutsche Unter­neh­men gegen Fehler ihrer Manager bald keinen Versi­che­rungs­schutz mehr?

Michael Hendricks:
Manager­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen sind für viele Versi­che­rer ein pures Verlust­ge­schäft, das stimmt. Die D&O-Versicherer zahlen drauf. Warum sollen sie sich das noch lange angucken? Und der größte Schaden­fall hierzu­lande, die Diesel-Affäre von VW - kommt ja erst noch. Die Deckungs­summe von 500 Millio­nen Euro, für die mehr als 20 Versi­che­rer unter Führung der Zurich Versi­che­rung aufkom­men müssen, wird nicht mal reichen.

Wirtschafts­Wo­che:
Womit müssen die Unter­neh­men jetzt rechnen?

Michael Hendricks:
Dass die D&O-Versicherer sich ums Zahlen drücken werden. Das beginnt bei den Anwalts­kos­ten, die ohnehin 70 Prozent bei den Haftpflicht­fäl­len ausma­chen.

Wirtschafts­Wo­che:
Was heißt das konkret?

Michael Hendricks:
Manager werden nicht mehr die erste Riege der Vertei­di­ger bekom­men. Sie müssen sich mit einem weniger teuren, aber dafür auch weniger versier­ten Straf­ver­tei­di­ger oder Zivil­rechts­an­walt begnü­gen müssen. Und die D&O-Versicherer werden im Vorfeld, in den Verträ­gen immer mehr Versi­che­rungs­aus­schlüsse einbauen - also Fälle, in denen sie nicht einsprin­gen wollen wie Kartell­fälle oder verdeckte Korrup­tion, selbst wenn sie selbst damit gar nichts zu tun hatten. Nicht-Juris­ten erken­nen die Fallstri­cke der raffi­nier­ten Versi­che­rungs­for­mu­lie­run­gen kaum.

Wirtschafts­Wo­che:
Und die Manager riskie­ren immer öfter, dass sie mit ihrem Privat­ver­mö­gen für Fehler einste­hen müssen?

Michael Hendricks:
Die Wahrschein­lich­keit wächst, dass das persön­li­che Vermö­gen gefähr­det ist. Diese Entwick­lung lässt sich schon seit einigen Jahren beobach­ten. Die Zahl der Manager nimmt zu, die vom Hochver­die­ner in die persön­li­che Insol­venz abrut­schen. Das promi­nen­teste Beispiel: Der Ex-Finanz­vor­stand von Siemens, Heinz-Joachim Neubür­ger, der sich nach einem jahre­lan­gen, kräfte­zeh­ren­den und teuren Schadens­er­satz­pro­zess wegen der schwar­zen Kassen des Konzerns von der Brücke stürzte. Nachdem er 2,5 Millio­nen Euro aus seinem Privat­ver­mö­gen an Siemens zahlen musste und dann der nächste Manager­haf­tungs­fall - in Griechen­land - auf ihn zukam. Er ist nicht der einzige, bei dem der Versi­che­rungs­schutz vollkom­men versagt hat. Es gibt viele andere Fälle, in denen Manager am Ende mittel­los daste­hen.

Wirtschafts­Wo­che:
Nur die Öffent­lich­keit erfährt nie viel davon.

Michael Hendricks:
Viele dieser Schick­sale werden nie bekannt. Es ist üblich, dass alles hinter verschlos­se­nen Türen verhan­delt wird, alle Verschwie­gen­heits­klau­seln unter­schrei­ben und die Versi­che­rer sowieso keine Urteile in der Welt haben wollen, auf die sich die nächs­ten Unter­neh­men berufen können.

Wirtschafts­Wo­che:
Und auch wenn die Versi­che­rung zahlt, werden Manager auch noch zur Kasse gebeten?

Michael Hendricks:
Die wenigs­ten Manager wissen, dass D&O-Versicherer und ihr Unter­neh­men von ihnen persön­li­che Zuzah­lun­gen in Millio­nen­höhe verlan­gen - so war es auch bei Rolf Breuer vor einem halben Jahr. Damit nicht genug, das Unter­neh­men streicht den Betrof­fe­nen dann meistens auch noch ihre hohen Pensi­ons­zu­sa­gen. Die Folgen für Manager sind tragisch, aber die wollen nicht darüber reden. Die wenigs­ten begehen Suizid, aber solche beruf­li­chen Tiefschläge lenken das Leben der Betrof­fe­nen und ihrer Familien in völlig andere, vollkom­men unerwar­tete Bahnen.

Wirtschafts­Wo­che:
Können Sie eine Zahl nennen? Welche Taktik verfol­gen D&O-Versicherer, wenn's hart auf hart kommt?

Michael Hendricks:
In den vergan­ge­nen drei Jahren haben wir allein bei Howden gut hundert Fälle erlebt, in denen D&O-Versicherungen nicht zahlten und die Manager fast alles verlo­ren haben. Allein die hohen Prozess­kos­ten sind dann schon existenz­be­dro­hend, weil es um Beträge in Millio­nen­höhe geht. Versi­che­rer spielen auf Zeit und setzen darauf, dass der Manager aufgibt. So kommt es, dass sie es am Ende schaf­fen, dass sich alle Betei­lig­ten auf einen mickri­gen Vergleich einlas­sen, der oft nur zehn Prozent der Schadens­summe beträgt. Zahlt die Versi­che­rung nicht voll, verlangt das Unter­neh­men umso mehr Geld vom Manager privat. Ich schätze, dass es bundes­weit Hunderte von Managern gibt, denen dasselbe passiert ist und die ihr Vermö­gen an ihre Arbeit­ge­ber verlo­ren haben.

D&O-Sparte als Lockvo­gel

Wirtschafts­Wo­che:
Warum verschweigt die Versi­che­rungs­lobby die entschei­den­den Zahlen wie das Prämi­en­vo­lu­men im D&O-Segment?

Michael Hendricks:
Die Geheim­nis­tue­rei ist unerklär­lich. Schon deshalb, weil Unter­neh­men sich so in Sicher­heit wiegen. Sie denken, dass alles gut geregelt ist und statt­des­sen können die - auf den ersten Blick attrak­tiv wirken­den - niedri­gen Prämien für sie selbst am Ende schäd­lich sein und sich als Bumerang entpup­pen. Ihnen wird vorge­gau­kelt, dass sich so ein existen­zi­el­les Risiko zu Dumping­prei­sen absichern lässt. Das wird für etliche Manager ein böses Erwachen geben.

Wirtschafts­Wo­che:
Was raten Sie den Managern?

Michael Hendricks:
Dass die Unter­neh­men möglichst lange Nachmel­de­fris­ten bis zu zwölf Jahren aushan­deln und auch nachver­han­deln, weil die Ansprü­che für viele Manager zehn Jahre im Nachhin­ein und noch länger geltend gemacht werden können. Beim Frank­fur­ter Flugha­fen­be­trei­ber Fraport wurde eben erst die Konzern­zen­trale durch­sucht wegen Bestechun­gen in Dakar, die zwischen 2006 und 2012 gewesen sein sollen. Ob sich die fünf beschul­di­gen Manager noch an alles vor vor elf Jahren erinnern können, bezweifle ich.

Wirtschafts­Wo­che:
Was sorgt für die schlech­ten Ergeb­nisse bei den D&O-Versichern: die Riesen­fälle wie Daimler­Chrys­ler mit 168 Millio­nen Euro Schaden oder Siemens mit 100 Millio­nen Euro? VW kommt ja auch noch obendrein.

Michael Hendricks:
Durch­aus. Aber die vielen Fälle im Mittel­stand addie­ren sich sehr hoch. Zumal wenn jetzt die Insol­venz­ver­wal­ter als neue Kläger immer öfter antre­ten, wenn sie in der Insol­venz­masse als einzi­gen Vermö­gens­wert am Ende noch eine D&O-Police finden.

Die milli­ar­den­schwe­ren Haftungs­fälle von VW werden die Versi­che­rer sicher erst in zehn Jahren zahlen müssen, aber bis dahin zahlen sie schon jetzt den Managern erst mal ihre Anwalts- und Gerichts­kos­ten. D&O-Fälle dauern im Schnitt in der Konzern-Liga sieben Jahre, im Mittel­stand drei Jahre - und wenn Versi­che­rer auf Zeit spielen, um Manager mürbe zu machen und weniger zahlen zu müssen, dauert's länger.

Wirtschafts­Wo­che:
Und Insol­venz­ver­wal­ter klagen heute, um nicht selbst haften zu müssen?

Michael Hendricks:
Diese Ansprü­che müssen sie geltend machen und holen dafür neuer­dings immer häufi­ger Prozess­fi­nan­zie­rer mit ins Boot. Dann zahlt der die Kosten für langwie­rige Gerichts­ver­fah­ren und bekommt am Ende 30 Prozent der Schadens­er­satz­summe.

Wirtschafts­Wo­che:
Dann kommen mehr Fälle vors Gericht als früher und die Anwälte müssen bis zum Urteil kämpfen, statt einen schnel­len, aber mickri­gen Vergleich zu unter­schrei­ben?

Michael Hendricks:
Genau, ich mache heute schon viele Gutach­ten für Prozess­fi­nan­zie­rer, die ihre Aussich­ten erst mal abklä­ren wollen. Dann werden auch mehr Fälle öffent­lich werden und die Betrof­fe­nen nicht mehr so vom Mäntel­chen des Schwei­gens vor unange­neh­men Fragen geschützt. Bei Verglei­chen schrei­ben sie immer Verschwie­gen­heits­klau­seln hinein, dass funktio­niert nicht bei Gerichts­ur­tei­len.

Wirtschafts­Wo­che:
Aber es gibt auch D&O-Versicherer, die weiter Profit machen?

Michael Hendricks:
Einige Versi­che­rer stehen in der Tat noch gut da. Noch. Die haben im Prinzip nur Glück gehabt. Es ist purer Zufall, dass bei ihren Versi­che­rungs­kun­den weniger Schaden­fälle aufge­tre­ten sind.

"Für manche Manager wird es ein böses Erwachen geben"

Wirtschafts­Wo­che:
Wie werden die D&O-Versicherer nun angesichts ihrer schlech­ten Finanz­lage reagie­ren?

Michael Hendricks:
Ein paar D&O-Versicherer werden aufge­ben. Andere - Chubb ein Vorrei­ter - werden ihre Versi­che­rungs­prä­mien kräftig erhöhen. Aus versi­che­rungs­ma­the­ma­ti­scher Sicht müssten sie ihre Prämien verdrei­fa­chen, um mit einem halbwegs blauen Auge davon zu kommen. Damit nicht genug: sie werden ganz viele Fälle von vornher­ein ausklam­mern in ihren Versi­che­rungs­be­din­gun­gen - und das werden die Manager erst dann schmerz­lich erfah­ren, wenn´s zu spät ist. So wie meistens.

Wirtschafts­Wo­che:
Zurück zu VW: Beim VW-Diesel­gate-Skandal sind Hunderte von Managern invol­viert. Unter den Exper­ten gilt es als ausge­machte Sache, dass die Versi­che­rungs­summe von 500 Millio­nen Euro nicht für alle reicht. Werden die letzten die Hunde beißen? Und ihr Eigen­heim wegge­pfän­det bekom­men und sie die hohen Anwalts­rech­nun­gen nicht mehr bezah­len können?

Michael Hendricks:
Ich bezweifle, dass alle diese Manager wirklich haftbar gemacht werden können. Die Verant­wor­tung tragen sicher­lich der Vorstand und der Aufsichts­rat. Doch für manche Manager wird es ein böses Erwachen geben - wie gerade die Verur­tei­lung des VW-Managers Oliver Schmidt zu sieben Jahren Haft in Florida gezeigt hat. Sie werden ihr Privat­ver­mö­gen für ihre Vertei­di­gung einbü­ßen. Es sei denn, sie haben vorge­sorgt und es lange vorher schon auf ihre Ehefrau, ihre Kinder oder Treuhän­der übertra­gen.

Wirtschafts­Wo­che:
Auf den unteren Manage­ment­ebe­nen ist es also gefähr­li­cher als ganz oben im Top-Manage­ment?

Michael Hendricks:
Richtig, Oliver Schmidt wird von VW wohl jetzt auch noch gekün­digt. Die Top-Manager schützt es am Ende auch noch, wenn in ihrem Aufsichts­rat Politi­ker sitzen, das ist bei VW so und beim Skandal-Flugha­fen BER auch. Die Politi­ker nehmen die Top-Manager einfach nicht in Regress, obwohl sie´s müssten, so wie Klaus Wowereit in Berlin. Hinter den Türen schlos­sen alle einen Vergleich von zwölf Millio­nen Euro - die Schäden sind viel höher, aber das Top-Manage­ment blieb ungescho­ren. Den Schaden hat der Steuer­zah­ler.

Wirtschafts­Wo­che:
Und was ist, wenn Versi­che­run­gen jetzt aufhö­ren in Deutsch­land, aber die von ihnen versi­cher­ten Manager sie in fünf Jahren zur Kasse bitten wollen? Weil all solche Fälle so lange dauern, so wie bei Deutsche-Bank-Chef Breuer.

Michael Hendricks:
Das ist kein Problem. Solange die Versi­che­rer nicht Insol­venz anmel­den, müssen sie für den in den D&O-Versicherungsverträgen ausge­han­del­ten Schutz auch einste­hen. Umgekehrt - die viele Jahre später fällige Nachhaf­tung ist eher ein Problem für die Versi­che­rer. Wer jetzt aus dem D&O-Markt ausstei­gen will, kann sein Risiko gar nicht so schnell begren­zen, wie er es gerne würde.

Sie schlep­pen das Risiko von D&O-Versicherungsverträgen auch nach ihrer eigenen Aufkün­di­gung noch bis zu zwölf Jahre lang mit sich. Denn so lange die Nachhaf­tungs­frist noch läuft, so lange können Unter­neh­men und Manager, Schaden­fälle, die in die ursprüng­lich verein­barte Versi­che­rungs­zeit fallen, nachmel­den.

Wirtschafts­Wo­che:
Die Ameri­ka­ner waren vor gut 25 Jahren die ersten, die D&O-Policen in Deutsch­land an die staunen­den Unter­neh­men verkauf­ten. Die rieben sich damals die Augen: Eine Versi­che­rung gegen Fehler der eigenen Manager? Dabei: Kann es sein, dass die Ameri­ka­ner sich damals über den deutschen Markt geirrt haben? Weil in Amerika nur Aktio­näre und Konsu­men­ten Manager persön­lich verklag­ten, aber in Deutsch­land sogar die eigenen Unter­neh­men? Und die Fälle, in denen Unter­neh­men die eigenen Manager verkla­gen, sind hierzu­lande der Regel­fall - aber in Amerika gab es das gar nicht?

Michael Hendricks:
Als die Ameri­ka­ner Ende der Achtzi­ger­jahre D&O-Policen in Deutsch­land auf den Markt brach­ten, haben sie in der Tat das Ganze unter­schätzt. Dass die inter­nen Strei­tig­kei­ten zwischen Unter­neh­men und Managern so immense Ausmaße anneh­men würden.

Fälle, in denen der Aufsichts­rat Schaden­er­satz­for­de­run­gen gegen den eigenen Vorstand erhebt oder umgekehrt, der Vorstand, dem Aufsichts­rat vor Gericht den Streit verkün­det und mit in den Prozess hinein­zwingt, machen mehr als 80 Prozent aller Schaden­fälle in Deutsch­land aus. In den USA ist es ganz anders: Da greifen Aktio­näre oder Konsu­men­ten die Manager an und verlan­gen Schadens­er­satz. Die ameri­ka­ni­schen D&O-Versicherer hatten gehofft, mit der D&O-Versicherung Geld zu verdie­nen und damit neue Großkun­den zu gewin­nen. Letzte­res hat funktio­niert.

Autorin: Tödtmann, Claudia
Quelle: Wirtschafts­Wo­che online 18.12.2017 um 17:42:00 Uhr
Titel: Experte für Manager-Versi­che­run­gen - "Den Schaden hat der Steuer­zah­ler" (Link zum Inter­view auf wiwo.de)
Download: Das Inter­view als PDF (1,6 MB)
© Handels­blatt GmbH. Alle Rechte vorbe­hal­ten.“

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